{"id":825,"date":"2009-04-05T11:22:03","date_gmt":"2009-04-05T10:22:03","guid":{"rendered":"\/\/boule-im-rheingau.de\/?p=825"},"modified":"2014-10-31T15:01:25","modified_gmt":"2014-10-31T14:01:25","slug":"mentaltraining-im-petanque-%e2%80%93-was-soll-denn-das","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/boule-im-rheingau.de\/?p=825","title":{"rendered":"Mentaltraining im P\u00e9tanque \u2013 <\/br>was soll denn das?"},"content":{"rendered":"<p>Samstagmorgen. \u201eIch bin Karl-Heinz, guten Morgen\u201c. \u201eAngenehm, ich bin Walter, Guten Morgen\u201c. <em>&lt;&lt; Diese Stoppelfrisur und diese stahlblauen Augen \u2013 sieht aus wie Peter, mein alter Spezi aus der Schulzeit. Irgendwie spricht er auch genauso wie Peter, so langsam und lang gezogen. Ist doch hoffentlich nicht genauso ein Schleimer. Werde mich mal fernhalten.&gt;&gt;<\/em> \u201eMan sieht sich!\u201c<\/p>\n<p>\u201eGuten Morgen, ich bin Anja.\u201c\u00a0 \u201eFreut mich, Dich zu sehen, ich bin Walter\u201c <em>&lt;&lt; Sieht aus wie meine erste Freundin, gro\u00df, schlank und blond. Und beim Lachen hat sie die gleichen s\u00fc\u00dfen Gr\u00fcbchen. Wei\u00df gar nicht wieso das damals auseinander gegangen ist \u2013 war aber eine sch\u00f6ne Zeit. &gt;&gt;<\/em> \u201eWir sehen uns beim Kaffee! Bis sp\u00e4ter.\u201c<\/p>\n<p>Was kann Karl-Heinz f\u00fcr meine negative Einsch\u00e4tzung? NICHTS! Und was hat Anja getan, dass ich sie sympathisch finde? Ebenfalls NICHTS! Und was hat das Ganze mit P\u00e9tanque zu tun? NOCH nichts!<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Sonntagmorgen \u2013 Bouleturnier in den Rheinauen. \u201eSo ein Mist! Am Mittwoch beim Bouletreff habe ich noch alles getroffen und heute? Loch auf Loch und dann auch noch die Eigene.\u201c\u00a0 <em>&lt;&lt; Na ja, ist ja gerade noch mal gut gegangen, 13:11 \u2013 aber knapp war\u2019s. Beim n\u00e4chsten Mal nur nicht wieder nerv\u00f6s machen lassen.\u00a0 &#8212; Ach du heilige \u2026\u2026. Jetzt auch noch gegen die ausgelost. Gegen die haben wir doch noch nie gewonnen. Und dann ist da wieder der Kugelstreichler dabei, der regt mich auf mit seiner Streichelei. Das wird was werden.&gt;&gt;<\/em> \u201e3 : 13 \u2013 Ich hab\u2019s doch gesagt, gegen die haben wir noch nie gewonnen. Dabei sind wir eigentlich viel besser als die. Die sollten mal Mittwochs zu unserem Bouletreff kommen, da w\u00fcrden wir ihnen aber das Fell \u00fcber die Ohren ziehen.\u201c<\/p>\n<p><em>&lt;&lt;Ausgeschieden. War ja auch klar, nach dem Auftakt. Einfach einen schlechten Tag erwischt und dann auch noch Pech mit der Auslosung. Und dann sitze ich auch noch mit dem Kugelstreichler am Tisch \u2013 das Pech nimmt heute aber auch gar kein Ende.&gt;&gt;<br \/>\n<\/em>Und dann erz\u00e4hlt der Kugelstreichler etwas davon, wie er sich nach einem Training bei Rainer ein Ritual vor jedem Wurf angew\u00f6hnt hat. Sein Herzklopfen vor einem entscheidenden Wurf war fr\u00fcher so stark, dass er meinte, auf dem ganzen Platz m\u00fcsste sein Herzschlag zu h\u00f6ren sein. Peinlich war das! Obwohl er ansonsten sehr sicher spielte, war es in diesen Momenten aus \u2013 warum hatte er sich f\u00fcr diesen Sport und diese Kugeln entscheiden m\u00fcssen? H\u00e4tte er doch besser was anderes gemacht. Und dann sagte Rainer so etwas wie \u201eSei nett zu Deiner Kugel. Sag ihr: \u201aWir beide werden jetzt gewinnen!\u2018\u201c Das habe er dann einige Zeit ge\u00fcbt und sich dabei v\u00f6llig auf die Kugel konzentriert. \u201eDas Streicheln ist das Ritual, mit dem die Kugel und ich uns auf diesen entscheidenden Wurf konzentrieren\u201c. Und es funktioniert, sagt er. <em>&lt;&lt; Na ja, das haben wir ja heute erlebt. Aber vielleicht war es auch nur, weil ich mich so \u00fcber ihn aufgeregt habe. Klingt aber irgendwie interessant, was er so sagt.&gt;&gt;<\/em><\/p>\n<p>Was haben diese beiden Ereignisse miteinander zu tun? Reiner Hatz hat die Hintergr\u00fcnde beim Mentaltraining f\u00fcr P\u00e9tanquespielerInnen, einem Seminar der HPV, den Seminarteilnehmern sehr einleuchtend erkl\u00e4rt. \u201eUnser Gehirn hat in allen diesen F\u00e4llen bestens funktioniert \u2013 so, wie wir es in der Evolution seit dem Neandertaler eintrainiert haben: Schnell und reflexartig. Unser Gehirn ist seit mehr als 100.000 Jahren auf ein einziges Ziel fixiert: \u00dcberleben!&#8220; Da gibt es keine Zeit, erst mal etwas auszudiskutieren, wenn der S\u00e4belzahntiger vor unserem Neandertaler steht. Der letzte Gedanke w\u00fcrde nicht mal bis zu den Verdauungss\u00e4ften des Untiers reichen. K\u00e4mpfen \u2013 Fliehen \u2013 Totstellen \u2013 M\u00f6glichkeit\u00a0 1 und 3 bringen nichts, also rauf auf den Baum. Gerettet! Von hier oben sieht die Welt schon ganz anders aus. Und der S\u00e4belzahntiger\u00a0 sieht irgendwie komisch aus. Und was soll das gro\u00dfe Loch in seinem Bauch? Ach was, der ist tot \u2013 und ich bin so gerannt. Aber sicher ist sicher. Und der Kugelstreichler ist anscheinend doch ein ganz gescheiter Mensch und richtig gut erkl\u00e4ren kann er auch. Na ja, vielleicht sollte man sich auch mal erkundigen, \u00fcber Mentaltraining und so\u00a0 \u2026.<\/p>\n<p>Ein tolles Experiment: Man h\u00e4lt ein K\u00e4rtchen mit einem roten und einem blauen Punkt nebeneinander direkt vor die Augen. Man f\u00fchrt das K\u00e4rtchen so weit von den Augen weg, dass in der Mitte ein dritter Punkt erscheint \u2013 eine reine optische T\u00e4uschung. Aber was passiert? Bei Einigen ist der Punkt in der Mitte blau, bei anderen ist er rot und bei der dritten Gruppe ist er violett. Wie das? Und dann fordert Rainer uns auf, die Farbe des dritten Punktes zu wechseln, indem wir die gegenteilige Farbe laut benennen: Wer blau sieht, sagt \u201eROT\u201c und wer rot sieht sagt \u201eBLAU\u201c. Kaum zu glauben, es funktioniert! Der dritte Punkt in der Mitte wechselt die Farbe, zumindest vor\u00fcbergehend, dann kehrt die \u201ealte\u201c Farbe zur\u00fcck. Was ist passiert?<\/p>\n<p>Die Erkl\u00e4rung: Die blaue Farbe steht f\u00fcr eine Dominanz der linken Hirnh\u00e4lfte, die rote Farbe f\u00fcr eine Dominanz der rechten. Der dritte Punkt entsteht durch eine Kommunikation zwischen beiden Hirnh\u00e4lften. Die dominierende Seite des Gehirns bestimmt die Farbe. Nun kann man offensichtlich durch eine Selbstanweisung (\u201eIch sehe ROT\u201c) diese Kommunikation zwischen den beiden Hirnh\u00e4lften beeinflussen. Und wenn wir das k\u00f6nnen, wie in diesem Experiment gezeigt, dann k\u00f6nnen wir sicher auch unser Gehirn bei anderen Gelegenheiten beeinflussen. Genau so ist es. Wenn wir wissen, wie unser Gehirn funktioniert, wie wir mit unserem \u201eSchubladendenken\u201c (Karl-Heinz und Anja bei der Begr\u00fc\u00dfung am Morgen) reflexartig den Neandertaler in uns zum Zuge kommen lassen, dann haben wir die Chance, daran etwas zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p>So verstehen wir pl\u00f6tzlich, warum unser Triplettepartner seine Technik nicht wirklich \u00e4ndern will, obwohl der eingeknickte Arm beim Wurf immer wieder unsichere W\u00fcrfe zur Folge hat. In unserem missionarischen Eifer verlangen wir von ihm, dass er seine \u201eKomfortzone\u201c verl\u00e4sst (\u201eAuf dem Baum hat mich noch nie ein S\u00e4belzahntiger gefressen\u201c) und sich in eine Lernzone begibt, die zumindest erst einmal unsicheres Gel\u00e4nde darstellt, von dem man nicht wei\u00df, was herauskommt. Das kommt uns doch irgendwie bekannt vor, aus dem Familienleben, aus dem Arbeitsleben und aus dem Verein: \u201eDas war noch nie so. Das war schon immer so.\u201c. Rainer erkl\u00e4rt sehr verst\u00e4ndlich und nachvollziehbar, dass dahinter kein b\u00f6ser Wille steckt, sondern der Neandertaler in uns, der sich einfach davor scheut, die Komfortzone des Bekannten und vermeintlich Sicheren zu verlassen. Also reagieren wir wie unsere Vorfahren mit dem Neandertaler-Effekt: Ein aktuelles Erlebnis ist vergleichbar mit einem fr\u00fcheren Erlebnis \u2013 also verhalte Dich wie damals und du wirst \u00fcberleben. Und so wird dann im entscheidenden Moment wieder mit eingeknicktem Arm geworfen, weil das ja fr\u00fcher meistens gut gegangen ist.<\/p>\n<p>Erst durch Schmerz oder besser gesagt durch h\u00f6chst unangenehme Ereignisse ist unser Gehirn bereit, Bedarf nach einer Ver\u00e4nderung des Verhaltens anzumelden. Solange die Eltern immer wieder das Spielzeug des Kindes am Abend wegr\u00e4umen, wird sich auch mit noch so viel Ermahnungen daran nichts \u00e4ndern. Warum sollte das Kind sein Verhalten \u00e4nderen \u2013 es klappt doch auch so und diese allabendliche N\u00f6rgelei geht vor\u00fcber. D.h. unser Gehirn und seine \u00fcber mehr als 100.000 Jahre w\u00e4hrende Evolution hat Mechanismen entwickelt, die uns als Menschen \u00fcber eine sehr lange Zeit erfolgreich haben \u00fcberleben lassen. Erst seit ca. 100 \u2013 150 Jahren ist ein Teil der Menschheit in der komfortablen Situation, \u00fcber mehr als das reine \u00dcberleben nachdenken zu k\u00f6nnen. Darauf muss sich unser Gehirn erst einstellen. Auf die Evolution k\u00f6nnen wir innerhalb dieses kurzen Zeitraums nicht hoffen. Also m\u00fcssen wir selbst etwas tun und der Mensch hat die F\u00e4higkeit, selbst etwas zu tun: F\u00fcr ein besseres, sprich konflikt\u00e4rmeres und erf\u00fcllteres Leben und u.a. auch f\u00fcr ein besseres und erfolgreicheres P\u00e9tanque. Ein \u00fcberaus interessantes Thema mit hohem Nutzwert, weit \u00fcber unser P\u00e9tanquespiel hinaus. Da haben die vom HPV doch mal etwas richtig Interessantes angeboten \u2013 nur schade, dass es so wenige genutzt haben. Wer aber jetzt ahnt, dass an diesem Thema vielleicht doch etwas dran sein k\u00f6nnte, so wie beim Ritual unseres Kugelstreichlers, der \/ die sollte sich doch mal mit dem Gedanken vertraut machen, etwas mehr \u00fcber sich selbst, sein Gehirn und das was es mit uns macht zu erfahren. Es lohnt sich.<\/p>\n<p>F\u00fcr das n\u00e4chste Turnier werde ich jedenfalls den Kugelstreichler mal fragen, ob er mit mir Doublette spielt \u2013 ich glaube, da kann ich was lernen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Samstagmorgen. \u201eIch bin Karl-Heinz, guten Morgen\u201c. \u201eAngenehm, ich bin Walter, Guten Morgen\u201c. &lt;&lt; Diese Stoppelfrisur und diese stahlblauen Augen \u2013 sieht aus wie Peter, mein alter Spezi aus der Schulzeit. Irgendwie spricht er auch genauso wie Peter, so langsam und lang gezogen. 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